Flieh, flieh, flieh!

Radierung von Israel Henriet gestochen und verlegt von Jaques Callot 1633, aus dem Werk »Les Miseres et les Mal-Heurs de la Guerre«.

Gleich zu Beginn des Romans erleben wir die unsägliche Grausamkeit und Brutalität der marodierenden Söldnertruppen im Dreißigjährigen Krieg. Wie sie mit den Bewohnern der überfallenen Dörfer umgehen, ist nichts für sensible Gemüter und schwache Nerven.Am Beginn das

Da ist nur noch die Stille, diese unglaubliche Stille. Kein Mensch, kein Vieh, selbst die Schwalben am Himmel ohne Schrei. Waren es die Truppen des Dänenkönigs Christian oder Tillys Horden? Ein kleiner, versprengter Haufen hatte Rosenthal niedergemacht. Alles war tot. Alles und alle. Die Männer, die Frauen, die Kinder. Leichen ohne Köpfe, blutgetränkte Brunnen, Frauen mit zerfetzten Kleidern, geschunden, erschlagen, Kinder zerschmettert anden Hauswänden. Das Vieh geraubt, mitgeschleift, bei lebendigem Leibe zerrissen und aufgeteilt. Das Dorf angezündet, die wenigen Verstümmelten, die sich aus dem lodernden Feuer retten wollten, brüllend abgestochen. Johlend zog die Horde weiter in Richtung Hameln. Das Land von den Katholischen befreien. Oder den Evangelischen? Das eine so schlecht wie das andere.

Doch einer überlebt das Massaker: Der Ziegenhirte des Dorfes, Jost Bicker, er hatte sich in den Kamin des Pfarrhauses gerettet:

Einmal war ihm seine schmächtige Gestalt von Nutzen gewesen. Ein einziges, entscheidendes Mal. Einen Tag und eine Nacht hatte er sich nicht geregt. Hatte sich in die Hosen gemacht, der Durst brachte ihn fast um, doch vor seinen Augen sah er nur einen aufgespießten Kopf mit den heraus gequetschten Augen und der halb abgeschnittenen Zunge. Und er hielt durch.

Wenn es wie immer gewesen wäre, wäre er bei Sonnenaufgang mit den sechs Ziegen des Dorfs den Hang hinaufgezogen, um ein Grasstück für seine Ziegen zu finden. Doch es gab keine Ziegen mehr. Nicht von den Wölfen gerissen oder von hungrigen Nachbarn gestohlen. Die Landsknechtshorden hatte die Ziegen im Turm der Kirche entdeckt und gleich an Ort und Stelle abgeschlachtet. Auf dem Kirchhof hatten sie ein Feuer entzündet, um die mageren Tiere an Spießen zu braten. Das Fleisch wurde halbroh vom Spieß gerissen und mit Gier heruntergeschlungen, aus Angst, es würde nicht für alle reichen. Der Küster wurde unter dem Altar entdeckt und einem harten Verhör unterzogen. Er sollte das Versteck von Most und Selbstgebranntem verraten. Als ihm der dritte Finger gequetscht wurde, schleppte er sich unter dem Gejohle der Meute zu einer verwahrlosten Grabstätte und verriet das Versteck. Zum Dank schickten ihn die Landser Gott befohlen auf seine himmlische Reise.

Keiner der wüsten Gesellen konnte genug bekommen von den unerwarteten Genüssen. Es wurde gefressen, gesoffen, gesungen und wieder gefressen und gesoffen, bis sie umfielen, wo sie gerade saßen oder standen. Sie hatten nur drei gebratene Ziegen geschafft das restlich Fleisch verkohlte ungenutzt am Spieß.

Am Morgen danach entschließt sich Jost, aus dem Kamin zu steigen, um die Lage zu erkunden. Als er nach draußen geht, sieht er um sich herum nur Tod. Die Söldner schlafen ihren Rausch aus, alles ist still. Doch plötzlich wird er gerufen – ein Landser ist erwacht und will ihn zu sich locken. Jost flieht. Er rennt und schreit und schreit und rennt in den Wald hinein, den Hügel hinauf, dorthin, wo er sonst mit seinen Ziegen friedlich weidet. Völlig erschöpft bricht er an einer Quelle zusammen.

Er stürzt sich auf eine Quelle, trinkt so hastig, dass er das Wasser wieder ausspucken muss. Am Rand der Einöde legt er sich unter die Bäume, durch eine meterhohe Wand von Brennnesseln von den Blicken möglicher Verfolgern geschützt. Endlich kann er die Augen schließen, doch da sieht er wieder den Hund mit dem abgerissenen Arm, den augenlosen Schädel und die Frau mit dem Holzpflock zwischen den auseinandergerissenen Beinen. Weiteren Gedanken will er den Weg in seinen Kopf versperren. Er stopft sich ausgerissene Grasbüschel in den Mund, reibt sich klebrigen Lehm ins Gesicht und wälzt sich in den Brennnesseln.

Er fühlt nichts. Er ist nichts. Jost? Spiddelhans, Wunderling, Kauzkopf! Jost! Jost Bieker. Er muss das Gras erbrechen. Allen bringt er nur Unglück. Sie bewerfen ihn mit Steinen. Schwangere bekreuzigen sich, die Kinder nehmen Reißaus vor ihm.

Er ist sechzehn oder siebzehn, vielleicht auch erst vierzehn, aber er ist so aufgeschossen wie ein grauer Reiher am Dorftümpel. Ein paar Jahre hat ihm seine Mutter etwas beigebracht. Soviel sie eben selber konnte. Ein wenig Lesen und Schreiben, mit dem Zählen und Rechnen kam er ganz gut zurecht. Mutter kannte die Heilpflanzen, wusste Mittel gegen Kindsbettfieber, Aussatz und Milzbrand. An Geld nahm sie nur, was man ihr geben wollte und konnte. Doch ihre Heilkünste sprachen sich herum. So kamen Kranke von weither, die mit guten Talern bezahlten. Was in der Verwandtschaft und Nachbarschaft nicht unbemerkt blieb. Dann war sie tot. Von einem abbrechenden Ast im Wald erschlagen. Und die Taler, die sie unter einer losen Diele verwahrt hatte? Waren nicht mehr aufzufinden, der Rest wurde vom Amtmann als Teufelslohn eingezogen.

Als es sie nicht mehr gab, wollten sie ihn zu Geld machen, ihn verkaufen. Doch niemand bot etwas für ihn. Hau ab und lass dich hier nie wieder blicken, du Missgeburt! Der Pfarrer setzte sich für ihn ein. Er könne die Ziegen der Rosenthaler hüten. Dann sei er den Dorfbewohnern aus den Augen und eine sinnvolle Tätigkeit wäre es auch.

Jährlich zwei Taler versprachen sie ihm als Hütelohn. Doch in den drei Jahren, die er mit ihren Ziegen in den Weserbergen unterwegs war, hatte er noch kein Geld gesehen. Jetzt konnte ihm niemand mehr etwas auszahlen. Alle waren tot. Es würde ein heißer Tag werden. Hoch am Himmel kreiste ein Bussard.

Jost reißt einen Grashalm aus, steckt ihn in den Mund. Er lehnt sich an einen Baum. Was soll er jetzt machen? Wo soll er hin? Einfach den Wolken folgen? Arbeit suchen in einer Erzgrube? Sich irgendwelchen Jahrmarktsleuten anschließen?

Doch plötzlich hört er das Dröhnen der Landsknechttrommeln und die Erde vibriert unter ihm vom Marschschritt einer Kompanie. Er rafft seine Habseligkeiten zusammen und rennt in den Wald zurück, kreuz und quer, immer in Angst vor dem gräßlichen Schicksal, das ihn erwartet, sollte er den Landsern in die Hände fallen. Er sucht nach einem sicheren Versteck. Endlich steht er vor einer Höhle, dem Mäumkenloch. Er hört ein Klopfen und Pochen daraus, wirft einen Stein hinein, das Klopfen hört auf. Setzt wieder ein. Aber muss sich überwinden: Die Höhle ist die einzige Zuflucht, die sich ihm auftut. Er betritt das dunkle Loch.

Er tastet sich an der Felswand entlang, Schritt für Schritt, kommt tiefer in die Höhle hinein. Für einen Augenblick glaubt er, einen Lichtschein zu sehen. Hoffentlich hat er sich getäuscht. Die Landsknechte führten Feuer mit sich, um alles niederzubrennen. Damit könnten sie ihn finden. Oder ausräuchern.

Jost tastet sich weiter. Der Weg führt um scharfe Felsvorsprünge herum, es ist wieder still, nur das Aufschlagen herabfallender Wassertropfen ist zu hören. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Noch ein paar Schritte, eine weitere Wendung und plötzlich flammt Licht auf. An der gegenüberliegenden Felswand kann Jost deutlich sein Schattenbild erkennen. Hinter ihm steht ein Riese, der eine Hacke erhoben hatte, um ihm im nächsten Augenblick damit den Schädel zu spalten.

Jost wirft sich auf den feuchten Felsenboden, will mit den Händen seinen Kopf schützen. Jetzt, jetzt, musste ihn der Hieb treffen. Es geschieht nichts. Gar nichts. Dann wandern fast unhörbar Schritte von seinem linken Ohr zum rechten und halten direkt vor seiner Nasenspitze an. Eine Fußspitze schiebt sich unter seine Stirn, hebt sie an.

»Du, Ziegenhirt, was du wollen?«

 

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