Zwerge in Sagen und Überlieferungen

August Corrodi: Die 7 Zwerge entdecken das schlafende Schneewittchen (1866/67).

Auffallend oft finden sich in volkstümlichen Sagen und Märchen Zwerge, kleine Männer, die nicht selten dem Bergbau verbunden sind. Die bekanntesten Zwerge in diesem Kontext sind sicherlich die sieben von Schneewittchen. Märchenforscher vermuten, dass sich hinter den Zwergen in diesen Erzählungen des Volkes Erinnerungen an die Venediger verbergen, jener Männer, die seit dem Mittelalter Nordeuropa durchwanderten, um Mineralien und Gold für die Kunsthandwerker Venedigs zu finden. Die ARD hat diesem Thema vor einigen Jahren sogar eine Dokumentation gewidmet, genannt »Das Geheimnis der Zwerge«. 

Auch in einigen Sagen des Weserberglandes wurden „Zwergengeschichten“ überliefert, zum Beispiel jene vier:

Die Zwerge im Lüningsberg

Vor langer Zeit haben Zwerge im Lüningsberg auf einer Waldwiese  nachts mit goldenen Kegeln und Kugeln gekegelt. Lange Zeit hindurch trieben die Zwerge ihr Spiel, ohne dass sie darin gestört wurden. Unsere Vorfahren sprachen oft am Feierabend darüber. Aber niemand war bislang zur Nachtzeit in den Wald gegangen, um einmal selbst das Spiel zu beobachten. Die Angst saß bei allen Bewohnern des Ortes zu tief. Bis ein lustiger Webergeselle nach langen Wanderjahren nach Aerzen zurückkam.
Heinrich, so hieß der junge Mann, war ein mutiger und furchtloser Bursche. Er liebte die hübsche Müllerstochter  Anna, und sie liebte ihn ebenfalls. Das Paar wollte heiraten, war aber zu arm, um einen eigenen Hausstand zu gründen.
Da kam dem jungen Mann in der Not ein rettender Gedanke, den er sofort seiner Braut mitteilte: „Anna, ich gehe in den Lüningsberg und hole mir noch heute Nacht von den Zwergen eine goldene Kugel.“ Auf dem Weg dorthin wurde ihm ganz unheimlich zu Mute, aber er dachte an seine Anna, und das gab ihm die Kraft vorwärts zu schreiten.
Plötzlich tauchte eine im hellen Mondschein liegende Wiese vor ihm auf, und er ging hinter einen Busch in Deckung. Da sah er durch die Zweige, wie die Zwerge die goldenen Kugeln über den Rasen rollten. Eine davon warf alle goldenen Kegel um und landete noch mit Schwung direkt in dem Busch, wo Heinrich lag.
Ein Griff, und der kostbare Schatz war sein. „Anna, Anna, ich  habe sie!“, jubelte er und lief so schnell er konnte aus dem Wald auf den Hummeübergang  zu. Die Zwerge, die seinen Jubelschrei gehört hatten, verfolgten den jungen Mann mit wildem Drohen und Schreien. Sie kamen ihm schon so nah, dass er ihr Keuchen hörte. Er kam an die Humme und sprang in den Bach. Das rettete ihn, denn das Wasser war für die Zwerge zu tief. Heinrich aber eilte mit der Beute zu seiner Anna und sie fielen sich  in die Arme. Von dem Erlös der Kugel kauften sie ein Haus in der Pöhlenstraße und lebten glücklich miteinander.
Von den Zwergen im Lüningsberg hieß es aber bald darauf, dass sie aus dem Walde verschwunden seien, und dass ihr Kegelspiel aufgehört habe.

Die Sage vom Mäumkenloch

Auf der Paschenburg zeigt man eine tiefe Höhle, Mäumkenloch genannt, in welcher vor Zeiten Zwerge gelebt haben. Noch zur Zeit, als auf der darunter liegenden Schaumburg Amtleute ihren Sitz hatten, trieben sie daselbst ihr Wesen. Einer dieser Beamten ritt häufig mit seinem Diener aus, ohne dass seine Frau erfahren konnte, wohin. Sie argwöhnte eine Untreue ihres Mannes und gab sich Mühe, derselben auf die Spur zu kommen. Der Diener verweigerte beharrlich jede Auskunft, doch ließ er sich endlich bereden, bei dem nächsten Ritt Linsen auf den Weg zu streuen. Die Frau folgte dieser Spur und gelangte über Rosenthal den Berg hinauf bis zum Mäumkenloch. Hier stand der Diener mit dem Pferde und deutete in die Höhle. Die Frau trat hinein und fand in einem schönen Saale ihren Mann bei dem Mäumken sitzen. Sie führte ihn heraus, und er musste ihr geloben, fortan nicht mehr zum Mäumkenloch zu reiten. Bald nachher erschien ein Zwerg vorn auf der Spitze des Berges und rief nach der Schaumburg hinunter „Die Mäume ist todt! Die Mäume ist todt!“ Seit jenem Vorfall hat man aber von den Zwergen nichts mehr gehört.

Die Wichtelmännchen von Olendorf

Die kleinen Wichteln oder Erdmännchen wohnen in Klüften, Erdspalten, in alten Häusern, unter großen Öfen, auf Gesimsen, wie die Elfen, und können nach Willkür sichtbar und unsichtbar werden. Dem Hausherrn, der sie aufnimmt und freundlich behandelt, bringen sie Glück und helfen ihm in seinem Gewerbe, dem sie Segen und Gedeihen verleihen. Nur verspotten lassen sie sich nicht. Wer sie schilt oder verlacht, dem kehren sie alles in Unsegen und Unglück, ziehen von ihm aus, und nehmen Gedeihen und Wohlstand mit sich fort.
Im Brauhaus zu Hessisch Oldendorf hatten die Wichteln lange Zeit ihre Auflage. Zu Gunsten der Bürgerschaft, der sie wohl wollten, trieben sie dort ihr unsichtbares Wesen, und ließen ihren segnenden Einfluss merklich spüren. Daher kam es, dass das dortige Bier unter dem Namen des Oldendorfschen so berühmt war wie jetzt die Braunschweiger Mumme, und wie diese weit verfahren wurde. Das Brauhaus, dem Posthaus gegenüber, wurde von den Postknechten, wenn sie durchgefroren nach Hause kamen, oft besucht, weil es da stets hübsch warm war. Einst kommt zur Winterzeit ein Postillon dahin, und erzählt, dass er in vergangener Nacht, als er durch den Süntel gefahren, ein Klagen und Heulen und Rufen gehört: „Meume Tienke ist todt! Todt ist Tienke Meume!“ Bei dieser Nachricht erhebt sich auf einmal im Brauhause ein Jammern und Wehklagen, und hundert Stimmen rufen tausendmal jenen Namen aus. Die an der Braupfanne beschäftigten Wichtel vergessen im Schrecken und in der äußersten Bestürzung ihre Unsichtbarkeit, und werden zu Hunderten von allen Anwesenden gesehen. Einer derselben trägt gerade ein Weizenkorn die Treppe hinauf, das er in die Pfanne bringen will. Er trägt aber so schwer an dem einen Korn, dass ein Brauknecht darüber lacht und seiner spottet. Das Wichtelmännchen wird böse, wirft sein Weizenkorn zur Erde, das Körnchen bleibt liegen und ist urplötzlich in das feinste Gold verwandelt. Aber alle Wichtel sind von dem Augenblick an verschwunden und für immer ausgezogen. Seit der Zeit ist das oldendorfsche Bier eben so schlecht, als es vorher gut und berühmt rühmt war. Kein Mittel blieb unversucht, seine vorige Güte wiederherzustellen, aber vergebens, denn der Fluch der Wichtelmänner ruht darauf.

Das Hamelner Zwergengold

Das Haus Nr. 46 in der Bäckerstraße zu Hameln wird nach seinem ehemaligen Besitzer auch „Grimsehl-Haus“ genannt. Eines Abends trug der damalige Herr des Anwesens, der Kaufmann Grimsehl, seiner Magd auf, ihm in aller Frühe eine Mehlsuppe zu richten, ehe er mit dem Planwagen über Land fahre. Als die Magd später in der Nacht noch einmal nach der Glut auf dem Herd schaute, bemerkte sie mit Schrecken, dass diese erloschen war und ein Anblasen mehr half.
Doch das Mädchen wusste sich zu helfen. Da es in der Schmiede, jenseits der Straße, noch dumpfe Hammerschläge vernahm, lief es nach drüben und kam bald mit einer großen Schaufel voll Schmiedekohle zurück. Allein, es gelang ihr auch mit dem Puster nicht, sie anzublasen. Sie musste noch einmal zu den Schmiedegesellen gehen und um Glut bitten. Die gaben sie ihr auch, ließen es aber an spöttischen Worten über ihre Ungeschicklicheit nicht fehlen.
Doch wiederum erloschen die Kohlen, und die Magd trat zum dritten Mal ihren schweren Gang nach drüben an. Diesmal murrten die harten Gesellen und erlaubten ihr nur scheltend, sich die dritte Schaufel zu nehmen. Dem Mädchen kam alles so seltsam fremd vor, aber es machte sich nicht groß Gedanken darüber, sondern lief achtsam mit der Feuergabel zur Küche zurück. Doch, Ungeschick, die Feuerstelle blieb kalt und dunkel. Im Morgengrauen kam der Herr Grimsehl der verzagten mit Stahl und Feuerstein zur Hilfe. Als er aber die Asche zur Seite rackte, leuchtete es überall unter ihr und der Überraschte sah, dass es Gold war.
„Du bist bei den Zwergen in der Geisterstunde gewesen“, sagte er, „und sie haben diesmal keinen Schabernack mit den Menschen getrieben, wie sie es sonst gerne tun.“
Mit dem Zwergengold baute Herr Grimsehl sich jetzt ein schönes Haus.

Das könnte Dich auch interessieren …